Frau Sabu´s Welt

Zauberhafte Mittagspause | Dezember 24, 2010

Es taut. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Mit einem Besen bewaffnet gehe ich zu meinem Auto, will es freischaufeln. Ich bin fast da und sehe an einer Straßenecke ein Ömsken auf dem Bürgersteig stehen. Vor ihr, in ihren Händen, eine Gehhilfe, direkt dahinter ein Berg Schnee. In ihrem Gesicht ein hilfloser Ausdruck.

Ich ignoriere meinen ersten Eindruck – lange, zottelige Haare, Obdachenlosenkleidung, und im Mund vorn gut sichtbar drei Zähnchen plaziert – stelle meinen Besen neben meinem Auto ab und marschiere auf sie zu.

Und direkt ihr erster Satz sagt mir, ich habe mich in ihr getäuscht: “Oh, haben Sie etwa die Absicht, mir zu helfen”? Anschließend folgt ein Wortwechsel, der mir zeigt, dass die alte Dame in Ihrem Kopf noch alles an ihrem rechten Platz sitzen hat.

“Kommen Sie, wir machen jetzt eine Reise über die Straße”… ich will grade Ihre Gehhilfe als erstes rüber tragen, als mir zum Glück noch einfällt, dass sie diese wahrscheinlich nicht grundlos vor sich herschiebt. “Oh, ich schätze, die brauchen Sie beim Überqueren”? Kichernd kommt von ihr: “Sonst haben Sie mich hier gleich liegen und müssen mich von der Straße kratzen” “Würde ich zur Not auch noch machen”- giggelnd üerbqueren wir – sehr seeeehr langsam – die Straße.

Drüben angekommen sieht sie, wie ich anfange, mein Auto freizuschaufeln. “Tja, jetzt müsste ich Ihnen ja eigentlich helfen”, “das lassen Sie mal schön sein und sehen zu, dass Sie jetzt heile nach Hause kommen.” Wieder Gekicher, ein kurzer Austausch, wie wir die Feiertage verbringen werden.

Ich habe die Dame direkt ins Herz geschlossen und wünsche Ihr, während sie die Haustür aufschließt von Herzen schöne Weihnachtsfeiertage. Sie hält inne, dreht sich noch mal um, blickt mich direkt aus ihren klaren Augen in diesem runzeligen Gesicht an und sagt:”Wissen Sie was? Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben! Sie dürfen nie vergessen: Freud und Leid liegen direkt nebeneinander. Wer nicht leidet, kann keine Freude empfingen. Mein Leben ist bald vorbei, aber ich hatte ein schönes! Und genau das wünsche ich Ihnen auch. Das positive Lächeln, um mit Freude durch´s Leben zu kommen, haben Sie”

Gerührt und sprachlos sehe ich zu, wie sie in Ihren Taschen kramt und ein Glasherz herrauszieht. Während sie es mir überreicht und mir sagt, das wäre ihr Glücksbringer für mich, kommen mir fast die Tränen.

Ich nehme Sie – vor 10 Minuten noch eine wildfremde Frau mit zotteligen Haaren – in den Arm, drücke sie und sehe -  wie vom Donner gerührt – zu, wie sie in Ihrer Wohnung verschwindet.


Veröffentlicht in Citylife, Frau Sabu

2 Kommentare »

  1. Liebe Sandra, danke, dass du dieses Erlebnis teilst. Ich sitze hier, Tränen in den Augen.. was mir wieder mal zeigt, trotz manchmal großer Klappe, bin ich einfach zu nah am Wasser gebaut.

    Es gibt so viele nette und süße “Alte”, die uns zeigen, wie man richtig Alt wird :-) .

    lg und fühl dich gedrückt
    martinchen.

    Kommentar von martinchen — Dezember 25, 2010 @ 12:41 pm

  2. Liebe Martina, ich habe Dir gerade schon eine Email geschickt, möchte mich aber auch noch mal an dieser Stelle für deinen Kommentar bedanken :) schön, dass wir in manchen Dingen irgendwie immer ähnlich empfinden :)

    Liebe Gruß, Sandra

    Kommentar von Frau Sabu — Dezember 25, 2010 @ 3:51 pm


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liebhaberin des ruhrpotts. (hör)buch-, musik-, facebook-, twittersüchtig. familienmensch, dazugehörend zwei katzen und ein hund. frenetische handtaschen- und jeanshosenfetischistin. liebt und lebt mit ihrem i-pod/phone. passionierte joggerin.

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